Einzugsgebiet NRW

Die OZ Onlinezeitung
auf Facebook



OZ – Onlinezeitung Zeitung für NRW UG (haftungsbeschränkt )

Anzeigen

NEU: Unsere OZ-App 2.0!
Android app on Google Play

Themen im Detail


Dienstag, 07. Februar 2012

"Unsere Besten" - Onlinezeitung: Serie zu Olympia 2012 - Heute: Britta Heidemann

Britta Heidemann, Foto: Manfred Herrig

Berlin - Es sind nur noch weniger als 200 Tage bis zum absolut sportlichen Höhepunkt des Jahres, den Olympischen Spielen in London (27. Juli bis 12. August 2012). Nach Auffassung des Chefs des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Dr. Thomas Bach, müsse der Anspruch, zu den fünf besten Nationen bei diesen Spielen zu gehören, aufrechterhalten werden. Gefährdet werden könne dieser Anspruch allerdings, so Bach, wenn die finanzielle Basis nicht verbessert werde. Zu den Einrichtungen, die schon seit langem für eine finanzielle Besserstellung der talentierten Sportler eintritt, ist die Deutsche Sporthilfe, gegründet im Jahre 1967. Zusammenfassen kann man die Ziele der Deutschen Sporthilfe so: Die Sporthilfe fördert materiell, ideell und sozial Sportlerinnen und Sportler, die sich auf sportliche Spitzenleistungen vorbereiten, solche erbringen oder erbracht haben und die durch ihr Auftreten und ihre Leistungsbereitschaft national und international als Leitbilder für die Bundesrepublik Deutschland und ihre Gesellschaft stehen sowie als Motivatoren für die Breitensport-Bewegung.

 

"ElitePlus-Athleten"

Für die Förderung von talentierten Sportlern, die als "olympische Medallienkandidaten" gelten, hat die Deutsche Sporthilfe ein spezielles Förderprogramm mit dem Titel "Unsere ElitePlus-Athleten" aufgelegt. Nach unserem ersten Bericht über Lena Schöneborn (Moderner Fünfkampf) folgte ein Portrait über Christina Obergföll (Speerwerfen). Danach berichteten wir über Silke Spiegelburg (Stabhochspringen). Hierauf folgte Benjamin Kleibrink(Fechten). Heute stellen wir Britta Heidemann vor.

 

Heute: Britta Heidemann

Steckbrief

Sportart: Degen

Jahrgang: 1982

Wohnort: Köln (Nordrhein-Westfalen)

Verein: TSV Bayer 04 Leverkusen e.V.

Beruf: Studentin

Sporthilfe-gefördert seit: 1999

 

Größte Erfolge

Olympiasiegerin 2008

Olympia-Zweite 2004

Weltmeisterin 2007

2-fache WM-Zweite

2-fache WM-Dritte

Europameisterin 2009

2-fache EM-Zweite

 

Britta Heidemann - von Andreas Müller

Köln/Bonn - Nicht verrückt machen lassen und verkrampfen, auf die eigenen Stärken besinnen und unbeirrt das Ziel anpeilen. Was Deutschland prominenteste Fechterin Britta Heidemann in ihrem soeben erschienenen Buch „Erfolg ist eine Frage der Haltung“ an nachahmenswerten Erfahrungswerten vom Leben auf der Planche vermittelt, musste die 28-jährige dieser Tage selbst schwer beherzigen. Denn bei den Weltmeisterschaften vom 8. bis 16. Oktober in Catania/Sizilien, auf die sich die Degen-Spezialistin mit ihren Auswahlkolleginnen zuvor im Trainingslager in Bonn intensiv vorbereitete, stand sportlich viel auf dem Spiel.

 

"Es ist für uns ein bisschen so wie mit den deutschen Fußball-Frauen. Jeder hat von ihnen bei der Heim-WM den Titel erwartet und so hat jeder von uns erwartet, dass wir uns ganz locker für die Olympischen Spiele 2012 in London qualifizieren. Doch so ist es nicht. Das sind die Unwägbarkeiten im Spitzensport“, sagte die Kölnerin nach ihrer zuletzt einzigartigen „Goldserie“. WM-Titel 2007, Olympiasieg 2008, EM-Titel 2009 und erster nationaler Meister-Titel im April dieses Jahres und dann noch EM-Silber drei Monate später. Dennoch lag Britta Heidemann nach dem Punkte-Algorithmus des Fecht-Weltverbandes FIE vor der WM im weltweiten Ranking nur auf Rang 17 und das deutsche Degen-Team der Frauen als WM-Finalist des Vorjahres nur auf Rang sieben. Platz fünf ist zum Stichtag im Frühjahr 2012 erforderlich, um anschließend mit der Mannschaft und drei Fechterinnen in London auf die Planche gehen zu dürfen. Entsprechend fiel den deutschen Degenfechterinnen nach Rang vier im Team-Wettbewerb von Catania ein großer Stein vom Herzen. Britta Heidemann sprach von „einem Riesenschritt in Richtung Olympia“, nachdem sie vorher zu WM-Beginn mit Rang 126 im Einzel sich selbst und die gesamte deutsche Fechtfamilie schwer geschockt hatte.

 

„Bisher lief es in der Olympiaqualifikation nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten und wir hatten auch Verletzungspech. Deshalb ist es jetzt sehr eng und wir müssen unbedingt eine gute WM fechten“, weiß Britta Heidemann um die sehr ernste, doch keineswegs aussichtslose Lage. Sollte über den Team-Wettbewerb, der einer eigenständigen Olympia-Qualifikation unterliegt, nichts gelingen, bliebe für die deutschen Degen-Damen nur noch ein einziges Ticket für das olympischen Einzel-Turnier übrig. „Wenn wir es mit der Mannschaft nicht schaffen, müsste ich gedanklich komplett umschwenken und mich voll auf die Einzel-Weltrangliste konzentrieren.“ Trotz alledem und getreu ihrer „Buch-Tipps“ hadert sie nicht mit den Umständen und dem ausgerechnet im vorolympischen Jahr geänderten Punktesystem. Statt dass ihr für EM-Silber wie bisher üblich die doppelte Zähler-Zahl gut geschrieben wurde und sie vielleicht unter die Top Ten hätte springen können, sind es nur anderthalb mal so viele Punkte gewesen. Auch die Regel, dass im schlimmsten Fall das einzig mögliche Olympia-Ticket bei den deutschen Degenfechterinnen nur bekommt, wer national die Nase vorn hat, fuchst die charmante und beredte Athletin vom TSV Bayer Leverkusen. „Nehmen wir mal, ich komme noch auf Platz zwei der Weltrangliste und eine Fechterin aus dem eigenen Land liegt vor, dann dürfte ich nicht zu den Olympischen Spielen.“

 

Fast angriffslustig wie eine Riposte zur Verteidigung mit anschließendem Gegenstoß klingt es, wenn Britta Heidemann betont: „Ich werde mich jetzt nicht anders vorbereiten als bisher auf ganz große Wettkämpfe. Ich werde jetzt im Training nicht hundert Mal mehr zustoßen oder irgendwie wilder und kräftiger.“ Bloß nichts mit der Brechstange probieren bzw. richtiger: mit einem übereilten, in der Fachsprache Fléche genannten Sturzangriff. Ihre Stärke sei bisher gewesen, vor der jeweiligen sportlichen Herausforderung nicht zu erschrecken und damit selbst in ein Olympia- oder WM-Finale unverkrampft, relativ entspannt und vor allem ohne Angst zu gehen. „Damit bin ich immer gut gefahren. Auch die bevorstehende WM werde ich als ganz normalen Wettkampf betrachten.“ Damit die innerliche Ruhe in der bedeutsamen WM-Vorphase gewahrt blieb, hatte Britta Heidemann ihre beruflichen Aktivitäten auch dank eines „Sporthilfe-Gehalts“ von monatlich 1.500 Euro im Rahmen der Sonderförderung „Elite Plus“ vorerst auf ein Minimum reduziert. Im Jahr nach ihren ganz persönlichen Spielen von Peking beendete sie ihr Studium der Regionalwissenschaften Chinas und wagte beim Start ins Berufsleben den Schritt in die wirtschaftliche Selbständigkeit. Als Spezialistin für chinesische Umweltpolitik und vornehmlich in Sachen erneuerbare Energien dockte sie bei Wirtschaftsberatungsunternehmen des früheren Bundesministers Rudolf Scharping an, sie referiert vor Managern über „mentale Stärke“ und holt sie auf die Planche, um Parallelen zwischen Spitzensport und Wirtschaft ganz praktisch nacherlebbar zu machen.

 

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in dieser Form selbständig arbeiten könnte“, sagt die Athletin mit dem Hinweis, in wirtschaftlichen Dingen „zum Konservativen zu neigen“ und lieber auf ein gesichertes Einkommen zu vertrauen. „Eigentlich werde ich unruhig, wenn ich nicht weiß, wie es am Monatsende weitergeht. Durch die Unterstützung der Sporthilfe habe ich jetzt Sicherheit, komme bis zu den Olympischen Spielen 2012 über die Runden und muss gerade jetzt in dieser wichtigen Phase nicht jedes Angebot auf Biegen und Brechen annehmen.“

 

Die erste Bekanntschaft mit der Sporthilfe machte Britta Heidemann als 16-Jährige, als sie mit dem deutschen Jugend-Team im Modernen Fünfkampf WM-Bronze gewann. Im selben Jahr entschied sie, fortan nur noch auf den knapp 800 Gramm schweren Degen zu setzen und auf die Disziplin mit der größtmöglichen Trefferfläche - von der Fußspitze bis zur Oberkante der Gesichts-Maske. Entsprechend vielfältig ist die Bandbreite der Aktionen mit der über einen Meter langen Klinge. „Es ist immer wieder ein unglaublicher Reiz, diesen Zweikampf für sich zu entscheiden“, ist Britta Heidemann nach wie vor dem Fechten verfallen und zehrt hoffentlich auch bei den Weltmeisterschaften auf Sizilien von ihrem sportlichen Vorleben. „Im Modernen Fünfkampf geht es pro Gefecht immer nur auf einen Treffer, bei uns Spezialisten wird auf 15 Treffer gefochten. Da habe ich als Teenager gelernt, in entscheidenden Momenten unheimlich viel Druck aushalten zu können.“ - Britta Heideman ist auch Kandidatin bei der Wahl Kölns Sportlerin des Jahres 2011. - (EH), Text Heidemann: Andreas Müller/Deutsche Sporthilfe, Foto: koeln-sportlerwahl.de


Nach oben

Bundesliga powered by Kicker Online

Anzeigen


Suchbegriffe: