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Friday, 14. August 2015

Wie sehr Mensch darf man noch sein?

Wann sollte man wissen, dass es Zeit wird? Gerade im Thema Beruf gilt für junge Leute: Je früher, desto besser. Je früher man weiß, was man beruflich machen möchte, desto schneller findet man eine Stelle, kann seine Fächer während des Abiturs entsprechend wählen und in der Schule exakt so viel tun, wie es notwendig ist, um sein Ziel verfolgen zu können. Am besten sollte man schon im Kindergarten, allerspätestens in der Grundschule wissen, wohin die Reise geht – zumindest so der Tenor der Gesellschaft. Das absolute Maximumprinzip, das Streben nach mehr und mehr, die unaufhörliche Suche nach dem „Perfektem“, doch wie realistisch ist das? Wie sehr Mensch darf man da noch sein?

 

Im Gegensatz zu nahezu jedem seiner Freunde, ist Lukas ein eher gemütlicherer Typ, wenn es um die Frage nach seiner Zukunft geht. Zwar sieht auch er die Dringlichkeit seiner Berufsentscheidung, doch macht er sich deshalb einfach nicht so viel Stress, wie sein Umfeld. Nach dem Abitur lässt sich Lukas Zeit für die Beantwortung der Frage: Ausbildung oder Studium? Oder doch beides gleichzeitig?

 

Während er sich über die Fragestellung Gedanken macht, lebt er sein Leben aus, geht Feiern, trifft sich mit Freunden, fährt in Urlaub und genießt. Doch nach neun Monaten hat sich Lukas immer noch nicht für den Ausbildungsweg und die Richtung entschieden, weshalb er erst einmal  einen ganz anderen Schritt wählt: Ein Bufdi-Jahr (Bundesfreiwilligendienst) in einer Einrichtung für altersdemente Menschen. Auch während diesen Jahres ist Lukas quasi auf jeder Party vorzufinden und lässt keine Chance aus, das Leben in seinen vollen Zügen zu genießen – auch wenn er dabei, teilweise zum Leidwesen seiner Freunde, über das Ziel hinausschießt. Dabei muss man aber gestehen, dass die daraus resultierenden Geschichten mehr als abendfüllend sind. Schließlich „ist (sein) Leben wie eine große Autobahn, (er soll) nicht lange überlegen, sondern losfahr’n.“

 

Doch genau diese Unbekümmertheit, die der Abiturient jeden Tag zeigt, ist es, die langsam aber sicher in seinem Umfeld für Unruhe sorgt. Was Lukas zu Anfang seiner Bufdi-Zeit eher als kleine Störgeräusche wahrnahm, werden im Laufe des Jahres zu nervigen und druckaufbauenden Stürmen. Denn nicht nur seine Familie drückt endlich auf eine Berufswahl, sondern auch seine Freunde und Verwandten wollen langsam Resultate seines Überlegungsprozesses hören und vor allem sehen. So manch einer seiner Mitabiturienten ist sogar schon mit einer Ausbildung fertig, und Lukas? Lukas überlegt noch, genießt, arbeitet ein bisschen und feiert viel. Natürlich hat er zwischendurch ein paar Bewerbungen für duale Studiengänge und Ausbildungen weggeschickt, damit die Meckereien leiser werden, doch das wirklich Wahre, seine Bestimmung  hat er dabei nicht finden können, weshalb auch seine Bewerbungsgespräche nicht überzeugend genug sein konnten.

 

In dieser Zeit denkt der 21-Jährige viel über sich und seine Zukunft nach und ärgert sich, ärgert sich darüber, dass er sich einfach nicht entscheiden kann. Will er in die soziale Richtung? Eher nicht! Auch wenn Lukas in seiner Arbeit mit altersdementen Menschen Spaß hatte und des Öfteren für seinen Einsatz und sein Engagement gelobt wurde, kann er sich seine berufliche Zukunft in dieser Branche nicht vorstellen. Doch langsam kristallisieren sich mögliche Berufszweige für ihn heraus, er möchte etwas machen, wobei man schon mal anpacken muss, etwas Handwerkliches, aber auch etwas, das nicht nur stumpfe Manneskraft voraussetzt, sondern auch zum Denken anregt.

 

Nach einigen Recherchen ist die Entscheidung endlich gefallen: Elektrotechnik. Zu seinem Glück ist dieses Fach an vielen Universitäten und Fachhochschulen NC-frei, sodass eine lange Bewerbungsphase ausfällt.

 

„Du schreibst dich sowieso nicht ein!“, hört er von vielen Freunden, die ihm diesen endgültigen Schritt immer noch nicht zutrauen. Doch diesmal ist es anders, Lukas lässt sich von Sprüchen solcher Art nicht beirren, schreibt sich ein und ist kurz darauf offiziell Student. Stolz fühlt er sich, angekommen, angekommen in der Welt der Gesellschaft, die ihn getriezt hat, die ihm Druck aufgebaut hat, die verlangt hat, nach Entscheidungen, nach Schnelligkeit.

 

Wie sehr Mensch darf man da noch sein? Lukas geht seinen Weg und zeigt, dass man sich gerne auch zwei Jahre Zeit für die womöglich wichtigste Entscheidung im Leben eines jungen Menschen nehmen darf. Doch die Gesellschaft verbietet es, wieso? Weil alles schnell gehen muss? Weil G8 besser als G9 ist? Weil jung besser als alt ist? Weil die Zeit im Alter von 25 und 26 für die spätere Rentenauszahlung so unglaublich rentabel ist? Weil erwachsen sein so unglaublich Spaß macht? Wohl kaum! Also wieso nicht das Leben genießen? Wieso nicht so lange Peter Pan sein, bis man sich bereit fühlt, das Nimmerland zu verlassen? Bis man eben genau weiß, was man machen möchte.

 

Und wenn zwei Jahre Überlegungsphase zur Berufswahl zu lang sind, wer hinterfragt dann noch die Meinung der Gesellschaft?

 

 

 

- Quelle: OZ (RW)

- Foto: freeimages.com: http://www.freeimages.com/photo/to-do-1156681


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