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Mittwoch, 09. Oktober 2013

Anreiz und Verpflichtung - „Juniorsportler des Jahres“

Gelsenkirchen, 09. Oktober 2013 - Am 11. Oktober ehrt die Deutsche Sporthilfe als Gast der Stadt Gelsenkirchen im „Musiktheater im Revier“ ihre „Juniorsportler des Jahres“ 2013. Die höchste Auszeichnung im deutschen Nachwuchssport wird in Einzel- und Mannschaftswertung sowie für den Behinderten- und Gehörlosensport vergeben. Die mit der Auszeichnung verbundenen Ausbildungsprämien werden bereits zum zehnten Mal vom Paket- und Expressdienstleister DPD übernommen. Seit 35 Jahren kürt die Sporthilfe die besten Nachwuchsathleten.

Für die Fotografen kreuzen zwei Männer ausnahmsweise dort die Klingen, wo sonst Ballett-Tänzer, Dirigenten und Tenöre Höchstleistungen erbringen – vor einem schweren roten Vorhang im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Auf der Fechtbahn, wo sich die beiden Sportsoldaten wie zu Hause fühlen, könnten André Weßels und Richard Hübers einander nicht begegnen. Der eine kämpft mit dem Florett, der andere mit dem Säbel. Aber beide stehen für einen großen Traum, der Athleten antreibt, die mit dem Sport nicht das große Geld verdienen. Den Traum, bei Olympischen Spielen auf dem Treppchen zu stehen und eine Medaille in Empfang zu nehmen.

Hübers, der Erstsemesterstudent, lebt und arbeitet noch für diesen Traum – Weßels hat ihn schon verwirklicht. Schon? Das trifft es nicht ganz. Der gelernte Bankkaufmann krönte seine Karriere spät, viel später, als viele, auch Fachleute, am Anfang gedacht hatten. Weltmeister (mit der Mannschaft), Weltcupsieger, Fechter des Jahres – all das hatte Weßels, 2001 „Juniorsportler des Jahres“, bereits erreicht, als er vor gut neun Jahren nach Athen zu den Olympischen Spielen fuhr. Doch er kehrte ohne Medaille heim, und es begann die schwierigste Phase seiner Karriere. Aufgrund einer Regeländerung wurde die bevorzugte Technik, mit der er Treffer setzte, unwirksam.

Weßels stürzte auf einen Weltranglistenplatz jenseits der Nummer zweihundertfünfzig – demütigend für einen, der lange als Nummer eins auf die Fechtwelt geblickt hatte. „Wenn einem das mit 23 Jahren passiert und keine Verletzung schuld ist, haut es einen total um“, sagt er. Selbst in der deutschen Rangliste konnte Weßels sich nur mit Mühe unter den ersten zehn halten. „Zum ersten Mal hatte ich im Sport keinen Erfolg mehr. Es war bitter, gegen Leute zu verlieren, die ich immer haushoch geschlagen hatte.“ Weßels, der bis dahin „für den Sport gebrannt“ hatte, dachte daran, „das Florett zur Seite zu legen“. Der Hochleistungssport war für ihn „fast erledigt“. Aber eben nur fast. Seine Trainer glaubten an ihn, und so begann er, auch selbst wieder an sich zu glauben. Weßels erlernte eine neue Technik und musste, wie er es nennt, „drei Jahre rumgurken“, um der Nationalmannschaft (und der Weltspitze) wieder näher zu kommen.

Acht Jahre nach dem Desaster von Athen öffnete sich das Tor zur olympischen Traumwelt abermals. Als Ersatzmann am Rande der Bahn postiert, durfte Weßels im Gefecht um Mannschaftsbronze für den verletzten Sebastian Bachmann einspringen, der sich das Knie verdreht hatte. Auf genau solch eine Situation hatte er sich vorbereitet. Ganze fünfzehn Sekunden war Weßels auf der Planche; ein einziger Treffer genügte ihm, um seinen Traum zu verwirklichen – olympische Kurzarbeit als Gipfelpunkt einer langen Karriere. „Es war, als würde ein Fußballspieler nur eingewechselt, um einen Elfmeter zu schießen“, sagt Weßels. „Aber den musst du in so einer Situation erst mal reinmachen.“ Mit bald 32 Jahren ficht er immer noch auf beachtlichem Niveau, widmet sich aber verstärkt seinem Masterstudium Sportmanagement, das er in zwei Jahren abschließen will. Einen Kaderplatz beansprucht Weßels nicht mehr, trainiert aber weiterhin mit der Nationalmannschaft, um als Mentor die nachrückende Generation an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.

Junge Athleten wie Richard Hübers. Der Säbelfechter steht jetzt an der Schwelle, die Weßels vor mehr als zehn Jahren überschritten hat; an der Schnittstelle vom Junioren- zum Erwachsenensport. Hübers nimmt in diesen Tagen sein Volkswirtschaftsstudium in Köln auf und damit den Kraftdreikampf, bestehend aus den Disziplinen Bundeswehr, Sport und Universität. Sein Lebensmittelpunkt bleibt Dormagen. „An diesem Ort führt im Säbelfechten kein Weg vorbei“, sagt er. Hübers ist im Sommer umgezogen vom Sportinternat in ein Reihenhaus mit Gartenzwerg. Mit Benedikt Wagner und Matyas Szabo, dem Sohn des Bundestrainers, hat er sich zu einer Wohngemeinschaft zusammengefunden, die zentral gelegen ist innerhalb der Fechthochburg, nahe am Bahnhof und nur fünf Autominuten entfernt von der Trainingshalle.

Bei Hübers, einem Mann von gut zwei Metern mit jungenhaften Gesichtszügen, bilden sich gerade die ersten Handlungsstränge seines olympischen Traums heraus. „Der Fokus liegt auf Rio de Janeiro 2016“, sagt der Zwanzigjährige, der in der Mannschaftswertung für den Titel „Juniorsportler des Jahres“ nominiert ist. Diesem Ziel werden andere Ambitionen untergeordnet. Natürlich will Hübers außerhalb der Planche Karriere machen – später. Erst einmal bietet ihm der Sport die Bühne, deren Bretter die Welt bedeuten, auch wenn es, wie jüngst, die Bretter eines Musiktheaters sind. In der Regelstudienzeit von sechs Semestern den Bachelor zu machen hält Hübers in seiner Situation „eigentlich für unmöglich“. Aber er hat eine gute Entschuldigung, wenn es ein wenig länger dauern sollte: den Traum, Geschichte zu schreiben, einen Traum von öffentlichem Interesse. Den Prolog dieser Geschichte hat er schon geschrieben: als erster deutscher Medaillengewinner 2010 bei den Youth Olympic Games.

Bleibt die Frage: Warum der Gartenzwerg in Dormagen? Die Antwort ist einfach: Wer als junger Mensch am Fuße einer Karriere steht, weiß sich anzupassen, nicht nur wenn es darum geht, Sport und Beruf zu verbinden. „In der Nachbarschaft wohnen Menschen mit dem Hang zu dekorieren“, sagt Hübers. Inmitten der Tontöpfe und Windmühlen auf den Nachbargrundstücken macht sich Salvador, der Gartenzwerg der Fechter, ziemlich gut. Er wacht über die WG – und über den Traum ihrer Bewohner.

- Quelle/Logo: Stiftung Deutsche Sporthilfe


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