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Dienstag, 26. August 2014

Manfred Sallatzkat: Hauptsache wandern

Wandern! Die Natur bewundern, Gottes großes Werk bestaunen, zu sich selbst finden, sein Leben einmal nicht von Anderen leben zu lassen ...
Es gibt zahlreiche Gründe, auf Wanderschaft zu gehen. Ungeachtet aller Anstrengungen und Unsicherheiten wagen seit ewigen Zeiten viele Menschen den Schritt ins Unbekannte. Zu verlockend ist die Aussicht auf neue Perspektiven und Einsichten. Manfred Sallatzkat hat ebenfalls eines Tages die Wanderlust gepackt – und es war ihm ein Bedürfnis, darüber zu schreiben.
In zwei großen Touren hat er seinen ganz persönlichen Jakobsweg beschritten. Mit Inbrunst, Gefühl und Humor schildert der Gladbecker seine mannigfaltigen Eindrücke, seine in vielerlei Hinsicht Atem beraubenden Erlebnisse und seine Beweggründe, sich einer solchen Herausforderung zu stellen.

Manfred Sallatzkats Buch ist mehr als ein bloßer Reisebericht. Es ist ein Werk, das Unentschlossenen einen Anstoß gibt, die eigene kleine Welt zu verlassen. Ein Werk, das Mut macht, aus dem Alltagstrott auszubrechen. Das aufzeigt, dass man nie aufhört zu lernen und in jedem Alter seinen persönlichen Horizont erweitern kann. Dass es da draußen mehr spannende Dinge gibt, als man ahnt. Dass man sich im Leben immer neue Ziele setzen muss, wenn man nicht sang- und klanglos eingehen will wie eine Zimmerpflanze! Die Quintessenz dieses außergewöhnlichen Wanderbuches ist gar nicht einmal so schwer herauszulesen. Wir Menschen haben so vieles, wofür wir dankbar sein sollten – aber wir müssen eben auch die Energie aufbringen, sie zu erspüren, zu entdecken, zu enträtseln und zu ergründen. In diesem Sinne: Frisch auf!

Leseprobe: Der große Plan
Gisbert war zur ersten Lagebesprechung gekommen. Jeder eine Flasche Bier vorweg, und wir kamen ins Schwärmen. Wandern! Ja, sicher! Wir waren neugierig, waren gespannt darauf, einige Tage nonstop draußen in der Natur zu erleben. Wir waren gespannt darauf, eine Zeitlang mit etwas weniger ziviler Verwöhntheit auszukommen, neue Erfahrungen zu sammeln, uns zu orientieren, unseren Weg zu finden, unvorhersehbare Begebenheiten auf einfache Weise zu bewältigen, uns den Naturelementen zu stellen. Wir werden vor den Launen des Wetters nicht weglaufen, uns nicht verstecken, sondern uns schützend anpassen, geduldig gegen den ausdauernden,
regenpeitschenden, kalten Wind vorwärtskommen, abgekämpft und durchweicht das wohlige Ziel erreichen. Je widriger der Wandertag, desto wunderbarer würde der Rückfluss der Lebensgeister sein. Aber auch sonnige, goldene Oktoberwandertage wollten wir doppelt genießen. Wandern durch fremde, sonnendurchflutete Märchenwälder, weite Felder, üppige, würzige Blumenwiesen. Wir werden den Weg weiter folgen hinein in die nächste Stadt, im Dorfkrug einkehren, wieder hinaus und hinein in den Wald, hinauf den Berg, hinab ins Tal. So sollte es sein. Alle Kraft dem Wandern, dem Vorwärtskommen im Reiche der Natur, von vielfältigen Wundern umgeben. Wandern. Hauptsache WANDERN!


Die ersten Schritte auf dem Weg zum Ziel führten mich geradewegs in den Keller. Dort lag eng eingerollt, rechts oben auf dem Regal neben dem Kellerfenster, eine Panoramakarte von Deutschland.


Das gute Stück, ein Sonderdruck aus dem Atelier Gloggnitzer, lagerte schon lange dort. Das rückseitige, weiße Glanzpapier stach mir immer wieder einmal ins Auge, wenn zur ganz bestimmten Tageszeit noch letzte Sonnenstrahlen den Weg durch's enge Kellerfenster fanden. Ganz gegensätzlich verhielt es sich mit dem alten, schwarzen Suppentopf rechts neben der Kartenrolle. Sein Schwarz verschluckte auftragsgemäß alle Spektralfarben, behielt sie in sich, strahlte mir nicht eine einzige entgegen. Und was hatte der Topf davon? Er fand kaum Beachtung und führte ein unauffälliges Schattendasein – ich hatte ihn endlich weggegeben. Anders die Karte. Bisher hatte ich keine Verwendung für solch ein großes Werk. Entrümpelung oder nicht?
Diese Frage hatte ich mir oft gestellt, doch nun bekam die Karte ihre Chance. Mal sehen, was sie uns bieten konnte. Ich traute ihr eine wichtige Requisitenrolle zu und nannte sie „Den großen Wegweiser“.
Um es vorweg zu nehmen, das gute Stück wurde wirklich gebraucht. Sie war das Leitwerk und erster Impulsgeber in der Planung unserer Wanderung.
Mit der Karte und den nächsten zwei Flaschen Bier ging ich wieder hinauf zu Gisbert.
In meinem bescheidenen Zimmer gibt es eine holzvertäfelte Wand. Hier fand die Karte einen würdigen Platz. Andere gute Stücke mussten weichen und kamen vorerst in den Keller. Dort war ja gerade Platz freigeworden. Also, die Panoramakarte von Deutschland, wir fanden sie gut, sie erstreckte sich von der Küste bis zu den vorderen Alpen, vom Rhein bis zu den östlichen Bundesländern, vom Schwarzwald bis zum Bayerischen Wald.


Alle hohen Waldgebiete sind dort in dunkelgrüner Schattierung gut erkennbar dargestellt, und da man sich bekanntlich im Vorfeld eine Menge zutraut, kamen wir alsbald auf den großen Plan, Deutschlands mittelgebirgige Waldlandschaften zu durchwandern. Eine Nordwest-Südost-Hauptwanderrichtung schien uns auf Anhieb sehr geeignet. Die fast lückenlose Aneinanderreihung von waldreichen Höhenzügen bot sich geradezu an, durchwandert zu werden.


Teutoburger Wald / Weserbergland mit Reinhardswald /
Kaufungerwald / Meißnerwald / Thüringer Wald / Frankenwald /
Fichtelgebirge / Hessenreuther Wald / Oberpfälzer Wald /
Bayerischer Wald


So war der Plan. Sollte es uns gelingen, unser Vorhaben in die Tat umzusetzen, gab es viel zu gehen, von Rheine am nördlichen Fuße des Teutoburger Waldes, an dem der Hemelter Bach die Ems auf ihrem Weg zum Dollart trübe anfüttert, bis Passau am südlichen Fuße des Bayerischen Waldes, wo Ilz und Inn die Donau auf ihrem langen, beschwerlichen Weg zum Schwarzen Meer verstärken.
Unter Zuhilfenahme weiterer Kartenwerke durchmaßen wir die Entfernung zunächst grob mit dem Landkartenmesser, und nach reichlichen Hochrechnungen, einigten wir uns auf 840 Gesamtkilometer. Natürlich spiegelte sich in der übertrieben erscheinenden Kilometerangabe der eigenwillige Verlauf der Wanderwege durch die natürliche Landschaft wider.
Auch unsere Auswahl nach bevorzugter Waldverbundenheit verlängerte den Weg ins ferne Ziel. Ein Gleichsetzen der Wanderstrecke mit der Entfernung über Autobahnen wäre ähnlich idiotisch zu bewerten, wie wenn man die Wegstrecke eines Spaziergängers mit der geschnüffelten Metermenge seines an der langen Leine mitgeführten Hundes gleichsetzen würde.


Ich brachte die leeren Flaschen in den Keller und holte zwei neue – Kellertemperatur, das süppelt sich so weg.
840 Kilometer! In einem Rutsch! Ohne Mogelei von Rheine bis Passau. Unter Berücksichtigung der schon recht kurzen Taghelle im Wandermonat Oktober rechneten wir mit einer durchschnittlichen Wanderstrecke von 30 Kilometern am Tag. Das sollte doch einigermaßen zu schaffen sein – oder nicht?
Leistungswandern war nicht unser Ziel!


840 Gesamtkilometer / 30 km pro Tag = 28 Tage


Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir vier Wochen unterwegs sein würden. Und die Familie, unsere Lieben? Wir waren schließlich verheiratet und wollten uns auch so verhalten. Da gab es im Vorfeld einiges zu regeln. Gut, mir als Rentner stand das ganze Jahr für gemeinsame Reisen zur Verfügung. Doch der berufstätige Gisbert kam sozusagen erst über rot und gelb zum grünen Licht. Wir köpften jeder noch eine Flasche und grinsten uns an. Konnten wir uns trauen? Gemütlich herumsitzen und große Touren planen, ist eine Sache, sie in die Tat umzusetzen, eine ganz andere.


Was wir uns in den Kopf gesetzt hatten, nahm immer mehr Gestalt an. Mit großer Vorfreude wurde nun eifrig das nötige Rüstzeug für die Wanderei angeschafft. Aber aufgepasst! Alles sollte möglichst klein und leicht, nützlich und praktisch, passend und angenehm, einfach und zünftig sein. Wir mussten uns entscheiden, denn jedes Teil wiegt und will getragen werden. Da kommt schnell einiges zusammen. Der Schirm zum Beispiel, der kleine Knirps – sollte ich ihn mitnehmen oder zu Hause lassen? Leicht sind die modernen Dinger ja, nützlich und praktisch auch. Gegen den ersten, leichten Regen ist so ein Knirps schnell zur Hand, fix aufgespannt. Aber passend zum Wanderer oder gar zünftig? Sicherlich nicht!


Mir war vorher gar nicht so sehr bewusst gewesen, dass die Stadt Rheine zweigeteilt ist. Die Ems durchfließt die Stadt fast mittig von Süden nach Norden. Wir standen auf dem Uferweg der westlichen Seite und studierten die Hinweisschilder für den Wanderer. Genau hier beginnen zwei Hauptwanderwege.


Der eine nach Norden:
=> Emsweg (E) Rheine – Leer (Ostfriesland)
Der andere in die südöstliche Richtung:
<= Hermannsweg (H) Rheine – Velmerstot


Tja, da gab es nichts zu überlegen, unsere Richtung stand fest.
Also die ersten Meter entlang der Ems, flussaufwärts, raus aus der Stadt, dann die ersten Kilometer querfeldein, die erste Rast, das erste Gasthaus, das erste gemeinsame Bier auf der Tour. Noch 825 Kilometer bis Passau, so scherzte Gisbert und ich kritisierte erstmals seinen schweren, schiefsitzenden Rucksack. Sein Gepäckstück war fast doppelt so schwer wie meines. Wieso eigentlich? Aber es schien ihn nicht zu kümmern. Egal, ich hatte die Last nicht zu tragen, ich spürte ja nichts von seinem eigenwilligen Kampf, aber diese verdammte Schieflage, sie verstieß gegen alle guten Sitten und war mir ein Dorn im Auge.
Da ich meist hinterhertrottete, lenkte mich der Blickfang anfangs zu oft von anderen, ansehnlicheren Dingen ab. Dem Gisbert war es schnuppe, er war beim Tragen von der störenden Ansicht auf seinen „Schrägen Otto“ befreit. Ich jedoch konnte mich nur schwerlich damit abfinden. Wir probierten dieses und jenes, ließen uns immer wieder neue Möglichkeiten der Begradigung einfallen, doch es war nichts zu machen, der elende Rucksack blieb beim Tragen schief. Er hing zwar nicht auf halb acht, aber auf 32 Minuten und 43,6 Sekunden nach Zwölf. Für das Ergebnis hatte ich ein langes Stück Weg konzentriert kopfrechnen müssen. Stunden- und Minutenzeiger verlängern sich genau in diesem Zeitbild schräg über die Uhr zu einer einzigen, gemeinsamen Geraden. Übrigens, aus der Rucksackuhrzeit ließ sich dann auch eine Abweichung oder Schieflage von 16,4 Bogengrade entgegen Gisberts aufrechtem Muskelkreuz ableiten. Und das blieb so. Irgendwann gaben wir auf, kein Rumgefummel, kein Zerren und Ziehen an den Haltegurten. Konstruktionsfehler! Und damit sollte Schluss sein, kein Wort mehr darüber und genau das fiel mir immer wieder schwer.
Den ersten Tag schafften wir mit Leichtigkeit – waren wir doch mit hohen Erwartungen und viel Power gestartet. Außerdem gingen wir davon aus, dass der Hauptwanderweg durch den Teutoburger Wald kaum große Anforderungen an uns stellen würde. Meinen kleinen Taschenkompass und Gisberts bei der Bundeswehr erworbene Morse- und Funkausbildung würden wir hier bestimmt nicht benötigen.


Aber wer konnte es schon wissen? In Notsituationen gelangt man ja bekanntlich meist dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Wie dem auch sei, die ersten 20 Kilometer waren schnell abgewandert, und das war uns auch genug. Es reichte für den Tag der Anreise.
Die erste Übernachtung stand bevor, in Riesenbeck, einem kleinen Ort am Rande des Teutoburger Waldes. In einer Privatpension konnten wir problemlos für eine Nacht ein großzügiges Zimmer buchen. Ankommen, alles auspacken, den ganzen Rucksackkram irgendwo und irgendwie ablegen, raus aus den Wanderklamotten, duschen, die sorgfältig verpackte Feierabendgarnitur anziehen und fertigmachen zum Ausgehen. Die zu Hause übliche Anziehberatung entfiel, zum einen mangels Alternativen und zum anderen mangels Kritiker. Hemmungslos und ungestört, ja ungeniert konnten zwei Wanderer schalten und walten, wie sie wollten. Binnen weniger Minuten war das kahle, glatte und sauber aufgeräumte Vorzeigezimmer in ein Lager umgewandelt. Die rasche Unordnung war selbst uns ungewohnt, aber wir kamen zurecht, sie störte nicht weiter, sie war uns praktisch. Es entfiel die ewige Rein-und-raus-, die Hin-und-her-Räumerei. Natürlich, für unsere Lieben daheim hätte sich durch die in kleinen Päckchen verstreut abgelegten Klamotten und Utensilien ein schreckhafter Anblick geboten.


Um es vorwegzunehmen, auch im weiteren Verlauf unserer Wanderung lernten wir nicht dazu. Das ordentliche Räumen lag uns nicht. Ruckzuck und wir hatten der fremden Herberge unseren Stempel aufgedrückt. Ohne System wurden die Klamotten raumeinnehmend dahin abgelegt, wo gerade Platz war. Aber beim Wiedereinpacken gingen wir immer wieder äußerst pingelig vor. Es wurde sorgfältig gefaltet, sortiert, gelegt und gesteckt, alles kam wieder an seinen gewohnten Platz. Ordentliches Packen erspart häufiges Suchen, das Suchen beispielsweise nach einem Schweißtuch oder Schweißhemd, nach einem Taschenmesser oder einer Taschenlampe, nach Regen- oder Sonnenschutz, nach einer Sicherheitsnadel oder einem Gummiband, nach Pflaster, Aspirin, Imodium oder dergleichen.
An unserem ersten Abend in einem Gasthaus am Ortsrand, wir tranken schon das vorletzte Bier, sprach ich Gisbert auf sein Gepäck an:
„Du hast doch ein großes, schweres Stück Seife mit auf die Reise genommen, es reicht für 300-mal Händewaschen, ebenfalls eine große Flasche Shampoo für 100-mal Haarwäsche, eine große Tube Zahnpasta für 100-mal Zahnpflege. Mit deinem schweren Föhngerät und dem elektrischen Rasierapparat kannst du Pferdehaare behandeln. Es gibt kleinere Proben, leichtere Geräte. Warum schleppst du so viel?“


Er gab darauf locker zur Antwort: „Nur kein Neid. Ein Rucksack muss prall sein, die richtige Schwere haben. Frage Onkel Fredi, der kennt sich aus. Er war einer der größten Hamsterer seiner Zeit und ich selbst habe bei der Bundeswehr immer mit schwerem Gepäck kriegerisch üben müssen. So ist es richtig, alles andere ist schlapp und unvollständig“.
Ich wollte und konnte mich mit seiner Rucksackphilosophie nicht anfreunden. Ganz im Gegenteil war ich froh, nicht solch ein schweres Gepäckstück tragen zu müssen. Warum nur quälte er sich so unnötig? Aber vielleicht machte es dem starken Kerl ja auch nichts aus und meine mitleidvolle Nachempfindung war fehl am Platze.

 

Über den Autor: Manfred Sallatzkat

Jahrgang 1941, ehemaliger Bergbauangestellter, verfiel nach seiner Frühpensionierung dem Wandern und dazu passend, etwas später, dem Schreiben. So durchwanderte er mit seinem Bruder Gisbert, 17 Jahre jünger als er, bevorzugt die bewaldeten deutschen Mittelgebirgslandschaften. Die vielseitigen Natureindrücke, die vielfachen Wandererlebnisse und die besonderen menschlichen Begegnungen ließen ihn nicht mehr los. Er begann alles aufzuschreiben. Letztlich wurde daraus ein Buch – ein Buch, das Lust aufs Lesen und aufs Wandern wecken soll.

Sein Leitspruch war und ist: "Nach der Wanderung ist vor der Wanderung", solange es noch geht …

 

Hauptsache Wandern

Manfred Sallatzkat

978-3-942614-81-8

Format: 14,8 x 22,0 cm, Paperback

13,90 €

August 2014

Das Buch ist seit wenigen Tagen überall im Buchhandel erhältlich und zeitgleich zusätzlich auch als Kindle-Ebook erschienen.

 

 


Quelle/Foto: Edition Paashaas Verlag (EPV)

 

 

 


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