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Freitag, 21. August 2015

Das Ablenkungsmanöver am Bahnhof

Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön … tönte der Ohrwurm ironisch in meinem Kopf, während sich meine Zornesfalten beim Betrachten der Zuganzeige in Bonn am frühen Morgen gleichzeitig entfalteten. Und als ob das nicht genug wäre, keifte auch schon in der Zwischenzeit die verrauchte Stimme der Ansagerin, für die die folgenden Sätze garantiert Routine sein müssten – kein Wunder bei der DB: „Die RE 5 in Fahrtrichtung Köln hat aufgrund einer Betriebsstörung 20 Minuten Verspätung. Wir bitten dies zu entschuldigen.“

 

Was gibt es denn da bitte zu entschuldigen? Obwohl – wieso bin ich überhaupt noch verwundert über solche Verspätungen oder Zugausfälle? Ich sollte eher über einen pünktlichen Zug verblüfft sein. Meine Gesichtszüge entspannten sich bei dem Gedanken merklich. Immer ruhig Blut, besänftigten meine Gedanken mich.

 

Für diesen Fall war ich doch eigentlich vorbereitet. Zur Verdeutlichung dazu schielte ich auf meine Notizen und stellte fest, dass ich auch den nächsten Zug nehmen könnte, damit ich rechtzeitig in Pulheim ankomme. Pulheim, Pulheim, sagte ich scheinbar vernehmbar vor mich hin, denn schon im nächsten Moment tippte mich eine kalte Hand von hinten an. Mein Körper reagierte auf diese unerwartete und fremde Berührung abwehrend. Ich trat einen Schritt zurück und drehte meinen Kopf in Richtung des Störenfriedes, um diesen zur Rede zu stellen. Erneut wollten meine Zornesfalten sich auf meiner Stirn abbilden, aber bevor sie an die Oberfläche kommen und ich überhaupt meinen Mund auftun konnte, wurde ich durch einen netten Gesichtsausdruck und sanfte Augen meines Gegenübers gehindert.

 

Stattdessen sprach mich die sympathisch aussehende Unbekannte mit einem zahnpastaweißen Lächeln an, das mich magisch in seinen Bahn zog: „Entschuldigung, willst du auch nach Pulheim fahren? Ist ja ein recht weiter Weg, nicht? Boah ey, wie ich die Bahn hasse. Ich wollte da meinen kranken Freund beim KFC abholen. Dem geht’s grade nicht so gut. Der hätte Kombination mit ihrer Kurzstory konnte ich ihre Anfrage einfach nicht ignorieren. Vertrauensvoll gab ich ihr mit ausgestreckter Hand meinen wertvollsten und intimsten Gegenstand aus meiner Tasche. „Klar“, antwortete ich kurz und knapp und tippte mir imaginär für meine Heldentat auf die Schulter.

 

Nur wenige Sekunden benötigte sie für das Telefonat. Anschließend wendete sie sich mir mit einem noch strahlenderen Lächeln als zuvor zu: „O mein Gott, vielen Dank, du warst meine Rettung. Mein Freund weiß jetzt zum Glück Bescheid … Achso, sorry, bei dem ganzen Stress habe ich mich noch gar nicht vorgestellt …“

 

Und dann brach von ihrer Seite ein unaufhörlicher Redeschwall aus, den ich – weil ich einerseits eine sehr höfliche Persönlichkeit bin und andererseits mich ihre perfekt aneinandergereihten Zähne im Zusammenspiel mit ihrem Hundeblick verfolgten – in keinster Weise beenden konnte. Atemlos ging dieses einseitige verbale Spektakel vom Bonner Bahnhof über Köln und hätte gewiss bis Pulheim gereicht, wenn sie nicht in Köln gesagt hätte, dass sie noch in eine Apotheke müsste: „Mein Freund braucht auch noch einen Hustenlöser …“

 

Erst als wir uns endlich verabschiedeten, schaltete ich meinen Geist wieder in den Online-Modus. Verwirrt stellte ich fest, dass ich anscheinend bald in Pulheim ankommen werde. Voller Panik wollte ich auf mein mobiles Display schauen, um die Uhrzeit zu erfahren. Als ich es nicht wie gewohnt in der Seitentasche vorfinden konnte, leerte ich in Windeseile seinen gesamten Inhalt, doch selbst beim mehrmaligen Durchstöbern war von meinem Handy keine Spur.

 

Langsam dämmerte es in mir. Endlich konnten meine Zornesfalten ungehindert meine Haut durchbohren. „So eine listige Person“, stieß ich wutentbrannt aus und ärgerte mich über meine eigene Dummheit. Scheinbar war ich das Opfer eines zugegebenermaßen sehr listigen Ablenkungsmanövers. Wahnsinnig clever von ihr. Die hat mich sowas von aufs Ohr gelegt. Und als ich versuchen wollte, geistig in den Monolog der vermuteten Diebin zurückzureisen, musste ich enttäuscht feststellen: Die hat mir gar nicht einmal ihren Namen genannt. Auch die anderen Informationen konnten gar nicht verwertet werden, weil sie lediglich über ihre momentane Verliebtheit und generell über Liebe alleine symphilosophierte.

 

Und das Ende der Geschichte ist, traue einer Unbekannten mit perfekten Zähnen und aufgesetzten Tierblick nicht.

 

 

- Quelle: OZ (So)

- Foto: Raven3k; http://www.freeimages.com/photo/mobile-1316331


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