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Freitag, 23. September 2016

OZ-Alltagswahnsinn: Von Scheinriesen und Gartenzwergen

Ein Staunen ging durch den Raum. Ich trat langsam durch die Tür und setzte mich vorne auf den nächstbesten Platz, was zugegebener Maßen mit dem riesigen Rucksack voller Bücher und Snacks nicht ganz einfach war. Nach mir folgten weitere Studenten, die nicht so viel Glück hatten und sich auf dem Boden niederlassen mussten. Als der Hörsaal zu platzen drohte, schloss der Professor die Tür und begann sein Seminar. Herzlich hieß er uns im neuen Semester Willkommen und fing an, über Themen und Ziele des Lernstoffs zu philosophieren. Er schloss mit der unangenehmen Wahrheit darüber, dass er nur 70 Teilnehmer in den Kurs aufnehmen könne und dass ihm dies sehr Leid täte. Das Gemurmel und Gemurre meiner Kommilitonen schwoll an. Die Lösung liege aber auf der Hand, erklärte der Herr Doktor Doktor: Die Studenten aus den höheren Semestern dürften bleiben, die Studi-Anfänger könnten schließlich auch erst einmal Basis-Kurse belegen. Er fragte beflissen, wer denn alles zu den Erstis gehöre. Mir leuchtete dieses Vorgehen vollkommen ein, weshalb ich mich umwandte, um zu schauen, wer sich meldete. Als ich wieder nach vorne sah, bemerkte ich verdutzt, dass er mich anschielte. Ich regte mich nicht. Genervt verließen die Erstsemestler den Saal, doch noch immer standen und saßen die Studenten auf den Treppen. Er wiederholte die Prozedere mit den Anwesenden des zweiten Semesters. Wieder streifte sein Blick meinen Platz. Ich blieb, wo ich war. Als aber auch die Studenten des dritten Semesters den Raum verlassen sollten, starrte er mich herausfordernd an. Ich starrte zurück.

 

Ich wusste, wo das Problem lag. Es war meine flauschige Kapuzenjacke mit Katzenohren. Oder vielleicht doch die Butterbrotdose in Hundekopfform? Vielleicht irritierte ihn auch die Kombination aus beidem. Oder die Tatsache dass ich mit 144,8 cm (Ich lege an dieser Stelle Wert auf Genauigkeit) Körpergröße einer 9-Jährigen gleiche. Ich meine, das irritiert mich auch immer wieder. Stellen Sie sich mal vor, dass ich seit meiner Geburt (ca. 50cm) einfach keinen ganzen Meter mehr gewachsen bin! Da kann es schon einmal zu Verwirrungen kommen! Andererseits verrieten meine starken Augenringe und die von der schlaflosen Nacht erschlafften Wangen jedem der mich genauer ansah, dass ich in Wahrheit, kein Kind war, das irgendwo falsch abgebogen sein musste, sondern eine ausgepowerte Bachelorandin. Irgendwas in meinem Blick musste den Prof nun auch überzeugt haben, denn er ließ von mir ab und beendete die Vorlesung. „Schön zurück zu sein!“, dachte ich.

 

Meine Schritte trugen mich zur Bibliothek, in der ich allerhand Bücher loswerden wollte. Als ich eintrat rannte eine Mitarbeiterin der Information im Stechschritt zielstrebig auf mich zu. Ich hoffte, dass sie mich bloß von den vielen dummen Fragen die ich zu stellen pflegte, wiedererkannte - doch zu meinem Leidwesen zückte sie strahlend ein Klemmbrett. „Um eine Ausleihkarte zu erhalten, musst du nur eben dieses Formular ausfüllen! Danach kann ich dir auch noch schnell zeigen, wie die Vorbestellung und die Fernleihe funktionieren.“ Ich lehnte dankend ab und die Gute errötete sichtlich, als sie neben meiner vorhandenen Bibliothekskarte auch meinen Studentenausweis des sechsten Semesters erblickte. Ich drückte ihr meine Bücher in die Hand und verabschiedete mich freundlich. Immerhin waren alle nett und zuvorkommend zu den Neuankömmlingen, da konnte man sich echt nicht beklagen.

 

In der Mensa sollte ich direkt eine neue Mensakarte bekommen, im Buchladen wurde ich über die Sortierung der Bücher aufgeklärt und selbst ziellos auf dem Campus wurde mir Orientierungshilfe angeboten. Irgendwann ließ ich diese Sonderbehandlung einfach stoisch über mich ergehen. Als ich vor dem nächsten Kursraum jedoch gefragt wurde, ob ich meine große Schwester abholen wolle, entschied ich, es sei genug für den Tag und verzog mich in den kleinen, recht unbekannten Computerraum im dritten Stock. Auf dem Treppenabsatz begegnete ich einem unsicher umher tappenden Mann, der sich die Flurbeschilderung ansah. Ein weiterer Student betrat die Szene und fragte den Bärtigen, wo sich die Büros befänden und ob die Sprechstunden von Medienwissenschaftlern und Praktischen Philosophen auch immer auf den vierten Dienstag im Monat fallen würden. Hilfesuchend blickte sich der Holzfäller um. Ich sprang ihm zu Hilfe und erklärte, dass die Büros fast immer neben den Toiletten zu finden seien und die Praktischen Philosophen ganz woanders säßen und obendrein eigentlich nie Sprechstunde hätten. Bewundernd sah mich der Mann an, als der andere Student frohlockend seiner Wege ging. Er lachte schüchtern und erklärte, dass er gerade Abitur gemacht habe, aber ihn alle immer für viel älter hielten. Ich musste mir eingestehen, dass ich ihn auch nicht auf 19 geschätzt hatte. „Tja, das passiert mir nicht so häufig!“, hörte ich mich sagen. Wissend grinste er mich an.

 

Den Rest des Semesters verbrachten wir ungestört zusammen. An seiner Seite glaubte man mir endlich, dass ich wusste was ich tat, während ich ihm zum Dank das Leben an der Uni erklärte. Eine perfekte Symbiose aus Augenscheinlichkeiten.

 

- Quelle/Foto: OZ (NH)


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