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Freitag, 07. Oktober 2016

OZ-Alltagswahnsinn: Schnattergans vs. Leseratte

Im Studium habe ich viel gelesen. Das lag zum einen an der Erwartungshaltung der Professoren, zum anderen aber auch an den vielen, langen Zugfahrten. Als Pendler hat man es eben nicht leicht, im Grunde genommen sogar schwer – und zwar wortwörtlich. Wenn man, wie ich, ein Fan vom Duft frisch gekaufter Bücher ist und das seidenglatte Papier der Druckerzeugnisse liebt, dann ist ein e-Book einfach keine Option. Der Haken an der Geschichte ist das enorme Gewicht der Schmöker, die man auf der Fahrt locker in den Schoß legen kann, aber leider den ganzen restlichen Tag mit sich herum schleppen muss. Ökonomisch gesehen ist so ein Wälzer jedoch eine gute Anlage, denn ist eine Reise in eine fremde Welt nicht unbezahlbar? Mal abgesehen davon rangieren die meisten Bücher in ähnlichen Preisklassen und 1000 Seiten extra sind da ein schöner Bonus.

 

So saß ich eines schönen, viel zu frühen Morgens mit meinem 500 kg-Rucksack  in der Bahn und las einen fesselnden Fantasy-Roman. Vertieft wie ich war, bemerkte ich kaum, dass der Zug sich immer schneller  und vehementer füllte. Als jedoch der Hintern einer nicht ganz schlanken Dame Mitte 50 in meine Sicht ragte, konnte ich den Trubel um mich herum nicht weiter ignorieren. Hier unterhielten sich zwei Anzugträger über die neusten Geschäfte, dort zankten sich zwei 13-Jährige um ein Smartphone. Himmlisch!

 

Ich murrte, drehte mich vom Gang weg und versuchte wieder nach Ardanag, in die Welt der Trolle, zu entschwinden. Das war ein Fehler! „Was lesen Sie denn da? Ist das Buch gut?“ Ich blickte auf. Ein blaues Augenpaar strahlte mich freundlich an und wartete auf eine Antwort. Ich zögerte. Meine Erziehung ließ es nicht zu, derart nette Menschen vor den Kopf zu stoßen, andererseits war ich mitten im Kampf der drei Gestirne und wenn ich vor der ersten Vorlesung fertig werden wollte, konnte ich mir nun keine Verzögerung leisten. „Ja. Ist auch super spannend gerade. Kann es nur empfehlen!“

 

Schnell steckte ich meinen Kopf wieder zwischen die Seiten, um weitere Störungen zu vermeiden, aber es war zu spät. Es wurde von den eigenen Buchvorlieben erzählt, über Autoren hergezogen und Entrüstung über alles Unbekannte geäußert. Ich nickte stetig mit dem Kopf und versuchte neben etwaigen Lauten der Zustimmung auch Einwürfe zu meinem jetzigen Lesestand in diesem sehr einseitigen Gespräch unterzukriegen. Keine Chance! Ich spähte nach Hilfe, doch weder die Anzugträger noch der Hintern der Gangversperrerin konnten mein stummes Flehen richtig deuten. Ich war gefangen. Und das noch mindestens 17 Minuten. Der Zug hatte nur leichte Verspätung und ich betete, dass es dabei bleiben würde.

 

„Ähm …Entschuldigen Sie… Das Buch ist gerade wirklich spannend und ich würde es gern noch zu Ende lesen“ –„Ja kein Problem, tun Sie sich keinen Zwang an.“ Ich seufzte und starrte auf den ersten Satz der Seite. „Lesen Sie gerade das Finale?“ – „…“ – „Das mag ich ja besonders gern bei Fantasy-Büchern!“ Krampfhaft las ich denselben Satz wieder und wieder bis ich mich geschlagen geben musste. Natürlich hätte ich heftiger reagieren können, aber ob das die Sache jetzt noch gerettet hätte, wagte ich zu bezweifeln. Ich packte mein Buch ein – „Nein, lesen Sie ruhig!“ – und schaute schweigend aus dem Fenster bis mein Bahnhof in Sicht kam. Als ich ausstieg wurde mir noch freundlich nachgewunken. Ich atmete die frische Luft in tiefen Zügen ein und schwor mir ab dem nächsten Morgen die fetten Schinken zu Hause zu lassen und auf das Hörbuch umzusteigen – und das nur mit 3fach schallisolierten Kopfhörern.

 

- Quelle/Foto: OZ (NH)


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